Aus dem Transzendenten

Seele, oh süßes Du
selige Wärme
brennende Glut
kühlender Wind
himmlisches Kind
so bist Du
erschaffen
um zu lieben
und zu dienen
Oh Seele, die Nacht
in der ich Dich hab losgelassen
bist Du gefallen in tiefen Schlaf
und ehe Du bist nicht aufgewacht
ist nicht vollbracht die Nacht
und der Tag wartet auf Dich
oh Seele, zeige Dich
DEM LICHT

Andrea InEssenz

*     *     *

Du bist, was du sein willst
im mächtigen Reich deiner Seele:
Ein Bettler – Ein König.
Der Herr der Gedanken gehorcht dir.
Du selbst setzt die Grenzen,
Du selbst hast die Macht,
sie zu ändern.

Du kannst wie ein trotziges Kind dich
im Dunkel verstecken,
du kannst Deine Umwelt
gelangweilt durch Scheiben betrachten,
Besucher empfangen,
Besuchern den Zutritt verwehren,
Gedankenkuriere mit Botschaften
ins Nachbarreich senden…

Nur eins mußt du wissen:
Sie kehren zurück, und die Antwort
als Echo der Botschaft
kann Krieg oder Frieden bedeuten.

Doch schickst du Gedanken der Liebe,
die schneeweißen Vögel,
der Sonne entgegen
soweit ihre Flügel tragen,
dann leg deine Grenzpfähle nieder!
Kein Feind kann dir schaden.
Dann bist du der liebend Geliebte
und mehr als ein König.

Ephides

*     *     *

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen,
hinab und nach den leisen Hilferufen,
die aus der Tiefe kommen, halb erstickt,
verschluckt vom Dunkel. Und mein Aug‘ erblickt
der Höhe letzten mondenmilden Schein
als weißes Band. Doch mich erdrückt der Stein!

Hab‘ ich darum die Höhe mir errungen,
darum die Tiefe in mir selbst bezwungen,
daß ich nun fremde Tiefen schaudernd muß durchwandern,
kaum selbst befreit, entkerkern muß die andern?

Muß ich hinab? – Du mußt es nicht, du darfst!
Es ist ein heilig Amt, das du verwarfst.
Auch du warst einst verschüttet gleich wie diese,
ja, auch für dich verließ die Himmelswiese
ein lichter Helfer. Wärst du heut‘ befreit,
hätt‘ ihn wie dich gedünkt der Weg zu weit?

Die Stimme schweigt. Kam sie herab vom Licht?
Ihr Widerhall, der sich im Felsen bricht,
erstirbt. Zuletzt vergeht mein Trotz in Scham:
Vollenden will ich, was ich übernahm.

Hinab, hinab die endlos vielen Stufen,
hinab und nach den leisen Hilferufen.

Ephides

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Die dunkle Nacht

Lied der Seele, die ihre Freude darüber zum Ausdruck bringt,
auf dem Wege der geistigen Entäußerung die erhabene Stufe
der Vollkommenheit, die Vereinigung mit Gott, erstiegen zu haben.

Entflammt von Liebesqualen,
als schwarz die Nacht einst webte,
o Glück, das ich erlebte!,
ging unbemerkt ich aus,
als Ruhe schon befriedete mein Haus.

Wohl auf geheimer Stiege,
vermummt, mit sicherm Schritte,
ging durch des Dunkels Mitte,
o Glück! ich heimlich aus,
als Ruhe schon befriedete mein Haus.

O seligste der Nächte!
Verbogen, sah mich keiner;
mein Führer war nur Einer,
ein Licht, durch das ich sah:
Des Herzens Flamme wies mir, was geschah.

Sie führte mich gewisser
denn Mittagssonnenfeuer
zur Stätte, wo mein Treuer
mein harrete allein.
In diese Stätte drang kein andrer ein.

O Nacht, so hold wie nimmer
das Morgenrot erscheinet!
O Nacht, die du vereinet
dem Bräutigam die Braut,
die umgewandelt sich in Ihm erschaut!

Mein Herz ihm treu und gänzlich,
bewahrt zum Blumenbette,
war seine Schlummerstätte,
wo liebend ich ihn hielt,
indes die Zeder mit den Lüften spielt!

Auroras Haar in Lüften,
es weht zur Morgenstunde,
da fühlt’ ich eine Wunde
am Hals von lichter Hand.
O die Entzückung, die ich da empfand!

Ich lehnt’ an den Geliebten,
mein Antlitz liebestrunken,
und – alles war versunken.
Ich schwand mit allem hin,
die Sorgen ließ ich unter Lilien blüh’n.

Johannes vom Kreuz

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Die lebendige Liebesflamme

Gesang der Seele in der innigsten Vereinigung mit Gott

O höchste Liebesflamme!
Wie dringst du bis zum Stamme
der Seele ein, sie lieblich zu verwunden!
Wie glühst du zart und leise!
Gib, dass der Vorhang reiße,
es sei, was mich von Dir noch fernt, verschwunden.

O Brandmal, süß zu fühlen!
O Wunden, die da kühlen,
der Seele tief von lichter Hand gegeben!
Gefühl aus Gottes Halle!
Die Schulden tilgst Du alle,
und tötend wandelst Du den Tod in Leben!

O Lampen, gluterfüllet!
Bei deren Blitz enthüllet
die Nacht entweichet aus der Sinne Talen!
Dass sie in selt’ner Würde,
mit lichtem Glanz und Zierde
vereint vor ihrem Hochgeliebten strahlen!

Wie wachest Du, o Treuer!
Wie sanft im Liebesfeuer,
in meiner Brust, wo Du verborgen weilest!
Wie flammst Du meine Triebe,
mit süßem Hauch zur Liebe,
voll Glorie und Huld, die Du erteilest!

Johannes vom Kreuz

*     *     *

Oh Seliger, in dir ich mich suche,
und alle Versuche
dich zu erkennen führten mich weg
und all mein sehnen nach dir
führten mich wieder zu dir,
denn du warst hier,
in meines Seelengrunde lag tief der Schatz deiner Gaben,
dein Lied welches du mir in meine Sinne hast gesungen
sind zu meinem Geiste eingedrungen,
sie haben mich wach aus meinem Schlafe wohl gemacht
und ein Feuer in mir entfacht.

Jenes brennt und die Glut droht mich zu Asche zu wandeln,
Hier hilft kein flehen und kein verhandeln,
kein Gebet scheint die Erlösung zu bringen,
und ich höre dich auch nicht mehr singen.
Vater dunkel ist in mir und ich suche dich,
wo bist du, nicht hier,
was geschieht in mir
und dann antwortest du mir

Oh selige süße Frucht des ewigen Lebens
ich schmecke dich und Freude wird mir gegeben,
Freude in dir zu sein,
lichtvoll und rein ist mein ewiges SEIN.
Geist der ich bin, frei von Sinn,
geliebt in ewiglicher Güte,
singe ich mit dir und meine Blüte,
öffnet sich für dich und Wahrheit ist mein Ich.

Andrea InEssenz