Der Vergleich

Textpassage aus: „Die dunkle Nacht” von Johannes vom Kreuz, HERDER SPECTRUM, 2013, Seiten 131 ff

Es wird dieser Läuterungsprozess durch einen Vergleich von Grund auf erklärt.

„Um das bereits Gesagte und das, was noch zu sagen ist, deutlicher zu machen, muß hier noch folgendes angemerkt werden: Dieses läuternde und liebende Erkennen oder das göttliche Licht, von dem wir hier sprechen, geht bei der Läuterung des Menschen und dessen Vorbereitung auf die vollkommene Einung mit sich genauso um wie das Feuer mit einem Holzscheit, das es in sich überformt. Das erste, was echtes Feuer mit einem Holzscheit macht, ist, es allmählich auszutrocknen, indem es alle Feuchtigkeit heraus treibt und alles Wasser, das es enthält, herausweinen lässt; dann macht es das Holzscheit schwarz, dunkel und hässlich und gibt ihm dazu noch einen üblen Geruch. Durch die allmähliche Austrocknung befördert und treibt es alle hässlichen und dunklen Bestandteile, die dem Holzscheit im Gegensatz zum Feuer anhaften, heraus ans Licht. Und indem das Feuer das Holz allmählich von außen her entflammt und erhitzt, überformt es dieses in sich selbst und macht es so schön wie das Feuer.

Flamendes Holz

Das Leben eines Holzstückes

In dieser Schlussphase gibt es für das Holzstück kein Erleiden und keine Eigenwirkung mehr außer seiner Schwere und Masse, die noch dichter ist als die des Feuers. Es hat jetzt die Eigenschaften und die Wirkungen des Feuers in sich: Es ist trocken und macht trocken, es ist warm und macht warm, es ist licht und macht licht, und es ist viel leichter als vorher, weil das Feuer in ihm diese Eigenschaften und Wirkungen hervorruft.

Genauso müssen wir uns dieses göttliche Liebesfeuer der Kontemplation vorstellen. Bevor es den Menschen mit sich eint und in sich überformt, läutert es ihn zuerst von allen gegensätzlichen Bestandteilen. Es lässt seine hässlichen Züge herauskommen und macht ihn schwarz und dunkel, so dass er sich schlechter vorkommt als vorher und hässlicher und abscheulicher als sonst. Während diese göttliche Läuterung nach und nach alle bösen und üblen Launen entfernt, die er nicht bemerkte, da sie sich sehr tief in ihm verwurzelt und eingenistet hatten, so dass er nicht verstand, dass er so viel Böses in sich hatte, werden sie ihm jetzt vor Augen geführt, da mit sie ausgetrieben und zunichte gemacht werden.

Erleuchtet durch dieses dunkle Licht der Kontemplation, sieht er sie nun sehr deutlich (obwohl er nicht schlechter ist als vorher, weder in sich, noch vor Gott), da er nun in sich sieht, was er vorher nicht sah; von daher hat er deutlich den Eindruck, er sei so schlecht, dass er für Gott nicht nur nicht sehenswert, sondern sogar verabscheuenswert ist und dass Gott ihn bereits tatsächlich verabscheut. Ausgehend von diesem Vergleich können wir nun vieles von dem verstehen, was wir gerade sagen und noch sagen wollen.

Erstens können wir nun verstehen, dass das Licht und die liebende Weisheit, die sich mit dem Menschen einen und ihn überformen sollen, dieselbe sind, die ihn am Anfang läutern und vorbereiten, so wie es auch dasselbe Feuer ist, welches das Holzstück in sich überformt und sich dadurch einverleibt, das es vorher zu eben diesem Zweck allmählich vorbereitet hat.

Zweitens werden wir bemerken, dass diese Schmerzen dem Menschen nicht durch die erwähnte Weisheit verursacht werden, da doch der Weise sagt: Mit ihr kommt dem Menschen alles Gute zugleich zu, sondern durch die dem Menschen eigene Schwäche und Unvollkommenheit, so dass er ohne diese Läuterung ihr göttliches Licht, ihre Zärtlichkeit und Wonne nicht empfangen kann (genauso wenig kann das Holz sofort überformt werden, wenn das Feuer es erfasst, sondern erst, wenn es vorbereitet ist); deshalb tut es dem Menschen so weh. Das bestätigt auch Jesus Sirach, wenn er sagt, was er erlitt, um sich mit dieser Weisheit zu vereinen und sie genießen zu können. Er sagt: Meine Seele lag im Todeskampf, und mein Inneres war aufgewühlt, um sie zu erlangen. Darum werde ich einen guten Besitz erwerben.

Drittens können wir daraus so nebenbei die Art der Leiden der Seelen im Läuterungsort erkennen. Selbst wenn das Feuer sie erfasste, hätte es nämlich keine Gewalt über sie, wenn sie keine Unvollkommenheiten hätten, an denen sie leiden, denn diese sind das Material, über das das Feuer hier Gewalt hat; wenn dieses zu Ende geht, gibt es nichts mehr zum Verbrennen. So ist es auch hier: Wenn die Unvollkommenheiten ein Ende nehmen, hat das Leiden für den Menschen auch ein Ende, und es bleibt nur das Genießen.

Viertens entnehmen wir daraus, wie der Mensch auf die Weise, auf die er durch dieses Liebesfeuer geläutert und gereinigt wird, immer mehr in Liebe entflammt wird, so wie das Holzscheit sich mehr erhitzt, je nachdem, wie es dafür zubereitet ist. Doch spürt der Mensch diese Liebesentflammung nicht immer, sondern nur ab und zu, dann nämlich, wenn die Kontemplation davon ablässt, mit solcher Kraft in ihn hin einzustoßen. Da hat der Mensch nun Gelegenheit, die Arbeit, die gerade getan wird, zu sehen und sich daran sogar zu erfreuen, da sie ihm enthüllt wird. Es hat dann den Anschein, als würde die Hand vom Werk genommen und das Eisen aus dem Glutofen herausgeholt, damit die Arbeit, die gerade getan wird, irgendwie sichtbar wird. Da hat der Mensch nun Gelegenheit, das Gute in sich zu bemerken, das er nicht sah, als das Werk voranging. So ist es auch mit dem Holzscheit:
Wenn die Flamme ablässt, es zu verletzen, hat man gut Gelegenheit zu sehen, inwieweit sie es schon entflammt hat.

Fünftens entnehmen wir diesem Vergleich auch das, was oben bereits gesagt wurde, nämlich wie wahr es ist, dass der Mensch nach diesen Erleichterungen noch intensiver und empfindlicher leidet als vorher. Denn nach jener Kenntnisnahme, die stattfindet, nachdem die mehr äußerlichen Unvollkommenheiten geläutert worden sind, verletzt ihn das Liebesfeuer wieder, jetzt in dem, was tiefer im Innern verzehrt und geläutert werden soll. Dabei ist das Leiden des Menschen umso innerlicher, subtiler und geistiger, als das Feuer die innerlichsten, feinsten und geistigsten Unvollkommenheiten nach und nach auszehrt, die ganz im Innern verwurzelt sind. Das geht zu wie beim Holzscheit: Wenn das Feuer mehr ins Innere vordringt, bereitet es das Innerste mit mehr Kraft und Gewalt zu, um es in Besitz zu nehmen.

Sechstens lässt sich daraus auch der Grund entnehmen, weshalb der Mensch den Eindruck hat, dass alles Gute für ihn zu Ende und er voller Schlechtigkeiten ist, denn in dieser Zeit kommt bei ihm nichts als nur Bitterkeiten an. So ist es auch wie beim Holzscheit, an das weder Luft noch sonst etwas herankommt, sondern nur verzehrendes Feuer. Doch nachdem ihm weitere Kenntnisnahmen zuteil werden ähnlich den ersteren, wird er mehr von innen her genießen, weil die Läuterung bereits tiefer im Innern stattgefunden hat.

Siebtens entnehmen wir daraus folgendes: Der Mensch genießt in diesen Zwischenzeiten sehr ausgiebig, so sehr, dass er, wie wir sagten, manchmal gar meint, die schlimmen Zeiten würden nicht wiederkommen, obwohl sie doch schon bald wiederkommen werden. Doch wenn er aufmerksam ist, entgeht ihm nicht, dass da noch eine Wurzel geblieben ist, die manchmal sogar auf sich aufmerksam macht und ihn nicht den vollen Genuss haben lässt; ja für ihn hat es den Anschein, als drohe ihm ein neuer Angriff. Wenn dem so ist, dann dauert es auch nicht mehr lange. Schließlich kann das, was tiefer im Innern noch geläutert und erhellt werden muss, dem bereits geläuterten Teil des Menschen nicht verborgen bleiben. Auch beim Holzscheit ist der Unterschied zwischen dem, was tiefer im Innern noch erhellt werden soll, und dem bereits Geläuterten gut spürbar. Wenn nun diese Läuterung von neuem tiefer ins Innere hineinstößt, braucht man sich nicht zu wundern, dass der Mensch wieder den Eindruck hat, alles Gute sei für ihn vorbei, und nicht glaubt, nochmals zu diesem Gut zurückzukehren zu können; denn da er noch tiefer in seinem Innern in Leiden versetzt wurde, ist alles Gute von außen für ihn ausgeblendet.

Mit diesem Vergleich vor Augen und eingedenk der Erkenntnis, die bereits bei der Behandlung des ersten Verses der ersten Strophe über diese dunkle Nacht und ihre fürchterlichen Eigenschaften vermittelt wurde, wird es nun gut sein, aus diesen für den Menschen so traurigen Dingen auszusteigen und mit der Besprechung der Frucht seiner Tränen und seiner beglückenden Eigenschaften zu beginnen. Vom zweiten Vers an wird damit begonnen, diese zu besingen.”

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