Läuterungsprozess

Textpassage aus: „Die dunkle Nacht” von Johannes vom Kreuz, HERDER SPECTRUM, 2013, Seiten 114 ff

„Es muss noch hinzugefügt werden, dass der Mensch aufgrund der Einsamkeit und Verlassenheit, die ihm diese dunkle Nacht verursacht, in keiner Lehre und bei keinem geistlichen Meister Trost und Stütze findet. Auch wenn dieser ihm auf vielen Wegen bezeugte, dass er sich trösten darf, weil es in seinen Schmerzen viele Güter gibt, so kann er es doch nicht glauben. Weil er von diesem Gefühl des Schlechtseins, in dem er seine Armseligkeit so deutlich sieht, ganz durchtränkt und darin ganz versunken ist, meint er, jene würden nur deshalb so sprechen, weil sie ihn nicht verstehen, denn sie sehen ja nicht, was er sieht und fühlt. So empfängt er statt Trost nur neuen Schmerz und meint, dass dies keine Abhilfe in seinem Elend ist, was ja auch stimmt. Solange nämlich der Herr seine Läuterung auf die Weise, wie er dies tun will, nicht zum Abschluss gebracht hat, hilft und nützt ihm kein Mittel oder Heilmittel gegen seinen Schmerz. Dies trifft um so mehr zu, als der Mensch in dieser Lage so wenig vermag wie einer, der in einem finsteren Kerker inhaftiert, an Händen und Füßen gebunden ist und sich nicht bewegen noch sehen noch eine Gunst von oben oder unten fühlen kann, bis der Geist hier demütig und sanft und geläutert wird und so subtil, einfach und feinfühlig, dass er sich einen kann mit dem Geist Gottes, entsprechend der Stufe der Liebeseinung, die Gott ihm in seinem Erbarmen gewähren will. Dieser Stufe entsprechend ist der Läuterungsprozess mehr oder weniger stark und länger oder kürzer.

Wenn diese Läuterung tatsächlich etwas sein soll, muss sie einige Jahre andauern, mag sie noch so stark sein. Doch gibt es zwischendurch Zeiten der Erleichterung, in denen diese dunkle Kontemplation, da sie auf Gottes Anordnung hin auf hört, in läuternder Form und Weise in den Menschen hinein zustoßen, nun erleuchtend und liebevoll in ihn hineinstößt.

Dabei verspürt und schmeckt der Mensch, wie wenn er diesem Kerker und dieser Haft bereits entkommen und in erholsame Weite und Freiheit versetzt wäre, große Zärtlichkeit des Friedens und liebevolle Freundschaft mit Gott in mühelosem Überfließen geistiger Mitteilungen.

Das ist für den Menschen ein Zeichen der Gesundung, das die erwähnte Läuterung in ihm bewirkt, und eine Ankündigung der erwarteten Überfülle. Manchmal geht das soweit, dass es ihm vorkommt, als seien seine Mühsale jetzt ganz vorbei. Die geistlichen Dinge im Menschen sind nämlich, sofern sie sehr eindeutig geistlich sind, folgendermaßen beschaffen: Wenn es Mühsale sind, kommt es dem Menschen vor, als würde er ihnen niemals entkommen und als sei es mit allen Gütern nun vorbei, wie man an den zitierten Schriftstellen gesehen hat. Wenn es aber geistliche Güter sind, kommt es dem Menschen auch so vor, als sei es mit allen Übeln nun vorbei und als würde es ihm nie mehr an Gütern fehlen, wie David bekennt, als er sich in ihnen sah:

Ich sagte in meiner Überfülle: Ich werde mich nie mehr bewegen.

Das ist deshalb so, weil im Bereich des Geistes der augenblickliche Besitz des einen Gegensatzes von sich aus den augenblicklichen Besitz des anderen Gegensatzes und das Gefühl davon verdrängt. Im Sinnenbereich des Menschen ist das nicht so, weil dessen Wahrnehmungsvermögen schwächer ist. Da aber der Geist hier von den vom niedrigeren Bereich übernommenen Neigungen noch nicht richtig geläutert und gereinigt ist, kann er, insofern er damit behaftet ist, umgewandelt werden, wenn auch nur unter Schmerzen, obwohl er, insofern er Geist ist, nicht umwandelbar ist. So sehen wir auch, dass David später umgewandelt wurde und viel Elend und Not verspürte, während er in der Zeit seiner Überfülle gemeint und auch gesagt hatte, er bewege sich nie mehr. So auch der Mensch: Da er sich augenblicklich durch jenen Überfluss an geistlichen Gütern belebt sieht, bemerkt er nicht die Wurzel der Unvollkommenheit und des Ungeläutertseins, die noch immer in ihm ist, und denkt, die Mühsale seien zu Ende.

Doch kommt dieser Gedanke nur in wenigen Fällen auf, denn solange die Läuterung des Geistes nicht vollendet ist, pflegt die zärtliche Mitteilung nur sehr selten so überfließend zu sein, dass sie die Wurzel verdeckt, die bleibt; so hört der Mensch nicht auf, in seinem Innern zu spüren, dass ihm ein „Ich-weiß-nicht-was” fehlt oder irgend etwas noch geschehen muß, was ihn jene Erleichterung nicht voll und ganz genießen lässt. Es ist, wie wenn er in seinem Innern einen Feind von sich spürte, der jetzt zwar ruhig ist und schläft, ihn jedoch fürchten lässt, dass er seine Untaten von neuem aufnimmt und verübt. Und so ist es auch: Wenn der Mensch sich am sichersten fühlt und am wenigsten aufpasst, verschlingt und versetzt er ihn von neuem in eine noch schlechtere, härtere, dunklere und schmerzendere Verfassung, als es die vorausgegangene war, was wieder seine Zeit dauert, vielleicht noch länger als das erste Mal. Auch hier glaubt der Mensch wieder, dass es mit allen Gütern für immer zu Ende ist. Die Erfahrung, die er mit dem erlebten Guten gemacht hat, das er nach der ersten Mühsal so genossen hatte, bei der er ja auch gedacht hat, dass ihm nichts mehr weh tun könnte, genügt ihm nicht.

So muss er auch in dieser zweiten Phase der Bedrängnis glauben, dass es mit allem zu Ende ist und es nicht mehr so werden wird wie das vorige Mal. Diese so feste Überzeugung wird, wie gesagt, im Menschen durch die augenblickliche Wahrnehmung des Geistes verursacht, die in ihm alles zunichte macht, was ihr entgegengesetzt ist.

Das ist der Grund, warum diejenigen, die im Läuterungsort sind, an großen Zweifeln leiden, ob sie da jemals herauskommen und ob ihre Leiden einmal aufhören. Wenn sie sich auch die drei gottgewirkten Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – als Haltungen angeeignet haben, so lässt sie doch im Augenblick das Erleben von Schmerzen und der Entzug Gottes das augenblickliche Gut und den Trost dieser Tugenden nicht genießen. Obwohl sie bemerken, dass sie Gott sehr lieben, gibt ihnen das keinen Trost; sie meinen, dass Gott sie nicht liebt noch sie seiner Liebe würdig sind.
Im Gegenteil: Da sie sehen, dass Gott ihnen entzogen ist und sie in ihren Armseligkeiten liegen, kommt es ihnen vor, dass es sehr viel an ihnen Hegt, warum sie von Gott mit gutem Grund für immer verabscheut und verworfen sind.

So geht es auch dem Menschen bei dieser Läuterung. Obwohl er sieht, dass er Gott sehr liebt und tausendmal sein Leben für ihn einsetzte (was ja auch wahr ist, weil diese Menschen ihren Gott in solchen Mühsalen sehr aufrichtig lieben), gereicht ihm all dies doch nicht zur Erleichterung, sondern verursacht nur noch mehr Schmerz. Da er Gott so sehr liebt, dass er sich um nichts anderes mehr sorgt, sich selbst aber so armselig sieht, dass er nicht glauben kann, dass Gott ihn liebt, noch einen Grund dazu hat noch jemals haben wird, ja sogar meint, nicht nur für immer von ihm, sondern auch von allen Geschöpfen verabscheut zu sein, schmerzt es ihn, in sich selbst Gründe zu sehen, derentwegen er es verdient, von dem verworfen zu werden, den so sehr liebt und ersehnt.”

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